SIGNATUREN DES MENSCHLICHEN WINTERS

von Mai 3, 2020Youtube0 Kommentare

In meinem 2. Beitrag habe ich über die Verschiebung unseres natürlichen Gleichgewichts vom Zentrum der Ruhe und Innenwendung, des Rückzugs und der Innenschau Richtung, Wachstum, Aktivität und Extroversion gesprochen. Innerhalb eines Jahreskreises käme dies einem Aussetzen des Winters und der Installation eines anhaltenden Frühlings gleich.

Dies ist für jedes natürliche System, daher auch für uns Menschen überaus belastend und führt mit der Zeit zur Entwicklung von Überlebensstrategien. Überlebensstrategien zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit einem erhöhten Stresszustand einhergehen. Das heißt der Körper arbeitet quasi in einer Art von Notzustand.

Dabei wird mehr Energie verbraucht, es werden Gleichgewichte verschoben, was auf längere Sicht im Körper zu Überlastungen und /oder mangelnder Versorgung führt. Mit anderen Worten, wir ticken nicht mehr richtig und sowohl unser Gefühls- als auch unser Denksystem nehmen die Welt mit der Brille potentieller Bedrohung wahr.

Natürlich stellen wir uns Fragen darüber, was denn da los ist, warum es uns nicht gut geht, wie wir das ändern könnten. Doch Fragen in einem erhöhten Zustand der Anspannung zu stellen, ist relativ unproduktiv, denn dann fordern wir gleichsam automatisch Lösungen und zwar jetzt. Wir geben uns keine Zeit, uns von den Fragen bewegen zu lassen, dadurch in einen Entwicklungsprozess zu gehen.

Wir wollen Antworten und natürlich die richtigen, die mit denen es uns endlich besser geht.

Im Zustand des Frühlings oder gar des Sommers Fragen zu stellen ist in etwa so problematisch, wie auf der Autobahn, wenn wir mit 130 dahindonnern, 50m vor einer Ausfahrt zu sagen, hier geht’s raus.

All die Fragen, die ich Ihnen bisher gestellt habe, brauchen keine abschließenden Antworten.

Winter ist die Zeit, Fragen zu begegnen ohne etwas zu tun, ohne Aktivitäten zu planen. Es ist eine Zeit der Meditation, des wieder in die Mitte Kommens und der Kontemplation, des stillen Wahrnehmens.

Zwar sagte ich in meinem 2. Beitrag, dass wir durch den Shutdown quasi einen verordneten Winter hätten, das heißt jedoch nicht, dass wir diese Zeit auch entsprechend nutzen. Wenn man die mediale Erregung beobachtet, die ein weites Spektrum an Spannungen zwischen gegensätzlichen Hypothesen, Meinungen, Emotionen und Reibungsflächen bietet, drängt sich der Eindruck auf, dass vielmehr ein geistiger Sommer herrscht, in welchem Heerscharen von Vögeln von allen Ästen zirpen, singen, schreien und lamentieren, zur Ordnung rufen, vor Fuchs und Bussard warnen, sich über das Wetter erregen oder einfach auch nur gehört werden wollen.

Ich möchte ihnen hier ein wenig Winter anbieten.

Setzen Sie sich bequem hin – lassen Sie die Augen zufallen und richten Sie ihre Wahrnehmung auf ihren Körper, ohne sich über das Gedanken zu machen, was sie empfinden.

Die Gedanken mögen da sein, da wir daran gewöhnt sind, über alles, was wir wahrnehmen, automatisch auch nachzudenken. Kämpfen Sie nicht mit ihnen aber überlassen Sie sich ihnen auch nicht.  Man kann auch die Gedanken einfach als Befindlichkeit wahrnehmen, so wie das Gluckern im Bauch oder das Fließen des Atems. Sie sind da, doch man muss sich ihnen nicht zuwenden.

So tritt die Welt da draußen schrittweise zurück, indem wir sie einfach lassen.

Und wir kommen in unseren natürlichen Zustand des einfach Daseins.

Vielleicht ist das für manche von ihnen schwieriger, wenn sie nicht darin geübt sind, doch auch das ist in Ordnung. Dasein ist in Frieden mit jenem zu sein, was da ist. So auch die Spannungen, die Störenfriede, die Ablenkungen … sie sind einfach da. Es gibt keinen Grund, uns gerade jetzt mit ihnen zu beschäftigen. Es gibt eine Zeit des Tuns und eine Zeit des Ruhens und wir nehmen uns gerade ein paar Minuten des ruhenden Daseins.

Etwas in uns klinkt sich automatisch in einen natürlichen Rhythmus ein, vielleicht schon nahe dem Gefühl vor dem Einschlafen. Ruhe ist ein unserem Naturwesen vertrauter Zustand.

Spüren Sie dem einfach nach und lassen sie alles andere einfach sein.

Danke

In solch einem Zustand nähern wir uns ganz natürlich einem Gefühl der Verbundenheit. Im Ruhen, im Schlafen, im einfachen Sein, sind wir alle eins.

Nur im Tun, im Reden, in unseren Meinungen, Standpunkten, Vorgehensweise sind wir unterschiedlich, erzeugen wir Spannungen zwischen uns.

Das ist in Ordnung und gehört dazu, doch die stete Rückkehr zur inneren Stille ist etwas Überlebensnotwendiges, wie eben auch der Schlaf, da wir sonst von all den Spannungen zerrissen werden würden.

Nun sind sie einfach da, lassen ihre Meinungen, ihre Gefühle sein und sind stiller Beobachter, im Auge des Sturms möglicherweise, doch hier ist es still und unbewegt, im Zentrum, in der Mitte.

Ich danke Ihnen für ihre Zeit

Dies ist eine ganz einfache Haltung. Planen Sie jeden Tag  ein paar Minuten ein, vielleicht am Morgen irgendwann in der Mitte und am Abend, um zu sich zurückzukehren. Manchmal reichen auch 10 bewusste Atemzüge, während der man sich an den Rand der eigenen, oftmals dicht befahrenen Lebensstraße stellt.

Dies scheint ein unproduktiver Prozess zu sein, und vielleicht fragen sich manche, wozu dies nützen sollte – dies ist eine unserer beliebtesten Fragen nach der Nützlichkeit. Die meisten der Aspekte des Lebens, die uns am Wichtigsten sind, können nur schwer mit Nutzen in Verbindung gebracht werden, wie Liebe, Kinder, Erholung, Freunde, Hobbies, …

Versuchen Sie es einfach, stellen sie sich den Wecker am Handy, der Sie daran erinnert und gehen Sie 3x am Tag in eine kurze Zeit des Winters.

Ich wünsche Ihnen das Allerbeste

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