SIGNATUREN SOZIALER DISTANZIERUNG

von Mai 3, 2020Youtube0 Kommentare

Ein sehr einschneidendes Symptom der gegenwärtigen Krise ist die soziale Distanzierung. Sie ist der Ausdruck einer Fragmentierung auf mehreren Ebenen.

Da ist einmal die Ebene sozialen Kontaktes und zwischenmenschlicher Interaktion. In der TEM gehört dies zur elementaren Erde. Sie vermittelt uns das Empfinden von Sicherheit, indem wir uns zusammenschließen, einander unterstützen, gemeinsam Aufgaben bewältigen, jede/r seinen Beitrag leistet je nach Talent, Fertigkeit und Profession, die im besten Falle Ausdruck seiner oder ihrer Begeisterung für etwas sind. Der Eine hat ein Auge für Schönheit und Harmonie, die andere für Ordnung und Gewichtigkeit, ein Dritter für Struktur und Gleichgewicht, eine Weitere für soziale Ausgewogenheit, … das Zusammenspiel bringt in Folge etwas hervor, dass alles miteinschließt und so Raum und Heimat für alle schaffen kann – die Realität, die wir zuletzt erschaffen haben, beinhaltete immer stärkere Distanzierungstendenzen, aus permanenten Versuchen, uns gegenseitig zu übertrumpfen und trotz des materiellen Überflusses, in dem wir leben durften, ein noch größeres Stück vom Kuchen zu erhaschen. Wir waren bemüht, uns möglichst teuer zu verkaufen, bereit noch mehr dafür zu leisten und dafür Essentielles zu opfern. Wir haben einander immer weniger zugehört, einander immer weniger wahrgenommen, Zeit und Raum dafür waren Mangelware, denn wir hatten noch so viel zu tun. Die soziale Distanzierung wuchs weiter und weiter und der Raum für Mitgefühl und Verständnis wurde immer kleiner. Wir haben die sozialen Netze, die von Natur aus Möglichkeiten für Menschlichkeit, Fürsorge, Hilfsbereitschaft mithilfe eines  Miteinanders wären, ersetzt durch unpersönliche, bürokratische Maschinerien, einem AMS, Krankenhäusern, Altenheimen, Kindertagesstätten, in denen Professionalist/innen ihr Handwerk versahen, zumeist überfordert, oftmals unter Vorgaben eines Systems, welches Menschlichkeit durch gesetzliche Regelungen ersetzte, viele auch unter prekären Bedingungen und schließlich unter den Rationalisierungsmaßnahmen und Einsparungen wirtschaftlich dominierter Prämissen.

Das Kind konnte immer schwieriger geduldig und liebevoll begleitet werden, sondern wurde aufbewahrt und mit Lehrplanvorgaben überfrachtet. Kranke Menschen konnten immer weniger  geheilt und gepflegt werden, sondern ihre Krankheiten wurden behandelt und sie selbst nur mehr verwaltet. Den Alten konnten immer weniger würdevoll begegnet und den sozial Schwachen immer weniger Anteilnahme und Respekt entgegengebracht werden. Es fehlte schlichtweg an Zeit, Energie und Ressourcen.

Jene, die diese Arbeit zu ihrer Berufung gemacht haben, ÄrztInnen, Lehrer, SozialarbeiterInnen, Pfleger brannten aus, gaben frustriert auf, wurden zu den Sündenböcken von Sytesmmängeln gemacht und sahen sich gezwungen, Dienst nach Vorschrift zu machen, sich zu distanzieren von jenen, für die zu sorgen oder sie zu begleiten, sie sich einmal entschieden haben

Die Krise enthüllt, sie offenbart und in diesem Punkt eben die Entfremdung, in der wir schon lange Zeit zu leben gezwungen waren.

Wer von uns hat sich nicht mehr Zeit für unsere Beziehungen, für unsere Kinder, Freunde, Interessensgemeinschaften gewünscht, mehr Ruhe in den Begegnungen, mehr Tiefe in den Auseinandersetzungen?

Zum wiederholten Male die Frage

Wie wollen wir weitermachen? Jetzt, da wir die soziale Distanzierung gesetzlich vorgeschrieben bekommen haben und ihre Auswirkung schmerzhaft spüren?

Eine weitere Ebene zwischenmenschlicher Verbindung ist das Gefühl von Zusammengehörigkeit, mit und trotz individueller Besonderheit und Unterschiedlichkeit. Sie drückt sich in einem Gefühl von Ähnlichkeit aus. Wir sind alle Menschen, haben ein hohes Maß an Gemeinsamkeit, wenn sich diese auch auf so vielfältig unterschiedliche Art zum Ausdruck bringt, wie es eben Menschen gibt. Das macht uns so reich, kreativ, anpassungs- und widerstandsfähig. In der Natur ist die Vielfalt eines Ökosystems der Garant für sein Überleben, im genetischen Code ist es die Vielfalt, welche den zahlreichen  Herausforderungen des Lebens besser gewachsen ist.

Unser Verhalten zielte in wachsendem Maße auf Uniformität ab. Uniformes, Einheitliches lässt sich besser bürokratisch verwalten. Zwar gaben wir uns einerseits besonders individuell, wollten herausstechen, unser einzigartig Sein zum Ausdruck bringen und verurteilten doch sehr schnell jede Andersartigkeit, jedes aus dem Rahmen Fallen, alles, was nicht auf den kleinen Teller unseres Horizonts passte. Wir hatten zunehmend Angst vor dem, was wir nicht einzuschätzen, nicht zu kontrollieren wussten. Wir versuchten mit allen Mitteln, abweichende Meinungen entweder argumentativ, oder durch Lautstärke und Herdengröße von der Richtigkeit der eigenen zu überzeugen, sie abzuwerten, sie zu übertönen oder zu überstimmen.

Ich habe in einem der vorangegangenen Beiträge über Inklusion in der Begegnung mit Herausforderungen bei indigenen Stämmen gesprochen, einem Miteinbeziehen aller Meinungen und Sichtweisen, die in einer Gemeinschaft da sind, aus der Überzeugung heraus, dass sie alle ihre Berechtigung haben und einen wertvollen Bestandteil des Gesamten darstellen, egal wie weit sie von der eigenen entfernt sein mögen. Wir haben exkludiert, ausgeschlossen, die Meinung der Mehrheit gewinnt. Deshalb gilt es möglichst viele von der Richtigkeit der eigenen Haltung zu überzeugen und sie hinter sich zu versammeln, um andere zu überstimmen. Minderheitenrechte wurden immer mehr als ein Hemmschuh bei der Durchsetzung der eigenen Interessen wahrgenommen und strategisch ausgehebelt und immer weniger als eine Bereicherung der Diversität. In besonders schlimmen Fällen wurden sie sogar als Bedrohung wahrgenommen.

In welche Umstände sind wir geraten, dass wir aufgehört haben, das Unbekannte, das Unvertraute nicht mehr als zu erkundendes Neuland wahrzunehmen, sondern als potentielle Bedrohung möglichst schnell unter Kontrolle zu bringen.

Und als dritten Punkt möchte ich den Verlust integrierter Individualität anführen. Wir waren im System immer weniger einzigartiger Mensch, sondern statistische Größe, eine Nummer, eine Wählerstimme, Humanressource, derer man sich bedienen konnte. Wir fielen unter Kategorisierungen, Professionen, Altersgruppen, waren eine Ziffer in einer sozialen Schicht, austauschbare Zahnräder in unüberblickbar komplexen Maschinerien oder Konsumenten, bei denen man Bedürfnisse erzeugte, um sie zum Kaufen anzuregen. Schließlich diente genau dies unserem heilbringenden Wirtschaftswachstum.

Stellen Sie sich einmal die Frage: Wer bin ich?, Schreiben Sie die Antwort auf und wiederholen Sie die Frage dann, immer und immer wieder. Was steht am Schluss auf ihrem Blatt Papier? Sind Sie das? Finden Sie sich darin wieder? Oder fühlt sich etwas tief drinnen, das nicht genannt, sich nicht wahrgenommen und missachtet fühlt?

Soziale Distanzierung kann eine Möglichkeit sein, aus dem Mangel an Ablenkungen zu einer meditativen Innenschau zu werden. Lassen wir diese Chance nicht ungenutzt verstreichen.

Ich weiß, dass viele von Ihnen sich um Kinder zu kümmern haben, die zu wenig Raum für Bewegung haben, Sie vom Homeschooling überfordert sind und neben der sozialen Distanzierung eine soziale Komprimierung stattfindet, die überfordernd, beengend und frustrierend sein kann.

Auch darin besteht eine Möglichkeit. Stellen Sie einander Fragen, für die sonst keine Zeit war. Lernen Sie die Realitäten, in denen ihre Kinder, ihr Mann, ihre Frau normalerweise getrennt von der ihren leben, besser kennen und lassen Sie diese an ihrer eigenen teilhaben, damit Sie einander besser verstehen lernen, wenn dann der Ausnahmezustand wieder sein Ende findet.

Ausnahmen erlauben Ausnahmen. Trauen Sie sich, sich herauszunehmen aus dem Gewohnheitsrad ihrer Gedanken, ihrer Regeln, ihrer Bewältigungsstrategien für eine Zeit lang auszusteigen. Nehmen Sie sich etwas heraus und trauen Sie sich, Grenzen zu überschreiten in dieser Zeit der Begrenztheit.

Ich wünsche Ihnen das Allerbeste

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