SIGNATUREN VON THEORIEN UND HYPOTHESEN

von Jun 8, 2020Youtube0 Kommentare

Derzeit blühen allerorts Hypothesen, die einen werden wissenschaftlich genannt, die anderen Verschwörungstheorien, je nach Standpunkt der Betrachter. Und wir werfen einander Blindheit, Naivität, Angstmacherei, Manipulation und alle möglichen Formen von Versagen, Unwissenheit und Bösartigkeit an die Köpfe, weil die Wahrheit unserer Gegenüber nicht mit der unseren zusammenzupassen scheint. Ein unangenehmes, oftmals geradezu unwürdiges Spektakel.

Ich möchte mich hier grundlegenden Phänomenen menschlicher Realitätsbewältigung zuwenden, um vielleicht etwas Licht in diese Vorgänge zu bringen und andere Wege zu öffnen.

Eine direkte Erfahrung von Wirklichkeit haben wir Menschen der Moderne verloren, eingetauscht gegen eine indirekte Interpretation erfahrbarer Realität, die wir durch die Reizung unserer Sinne in uns einlassen und zu subjektiven Wahrnehmungen gestalten. Was wir sehen ist nicht das, was ist, es ist das Bild, das wir uns davon machen.

So haben wir beschlossen, zu glauben, was wir sehen und hören, ohne die Einflüsse der physiologischen Vorgänge darauf mit einzubeziehen. Denn dann kämen wir einer sehr unangenehmen Wirklichkeit zu nahe, nämlich dass wir nicht glauben könnten, was wir sähen, sondern dass wir sehen müssen, was wir glauben.

Demzufolge sind wir physiologisch gezwungen, die Wirklichkeit nur hypothetisch zu erleben. Wir leben in einem Konstrukt des Glaubens. Dieses war einmal animistisch, dann polytheistisch, dann monotheistisch, heute wissenschaftlich. Doch immer ist es ein Glaubenssystem, das wir zur Wahrheit erheben, ganz einfach, weil uns sonst unser Leben eine Riesenangst machen würde.

Wir streben nach Absolutem, Verlässlichem, Sicherem und scheitern, scheitern, scheitern. Kein einziges Versprechen in unserer ganzen Geschichte im Bezug auf Wahrheit hat gehalten und auch die Hoffnungen, die wir in das wissenschaftliche Weltbild setzten zerfällt.

Die Physik hat nicht das eine Teilchen, das Atomos, das Unteilbare gefunden, aus dem alles besteht, auch nicht die eine Kraft, die in allem wirkt, nicht die Weltenformel, die alles erklärt. Alle Theorien, die wir im Hinblick auf die Erschaffung eines Paradieses auf Erden entwickelt haben, sind an der Realität gescheitert, alle Technologien, mit denen wir unser Leben verbessern wollten, haben Leid und Elend geschaffen, vielleicht andernorts, doch sie sind da, in der Tierwelt, in der Pflanzenwelt, in den Abbaugebieten von Rohstoffen, den Sweatshops, in den brandgerodeten Arealen ehemaliger Urwälder, dem Meer, der Luft, den Böden.

Ups, da haben wir etwa übersehen. Beim nächsten Mal werden wir es besser machen – so lautet unser Glaubenssatz. Mit den gegenwärtigen Lösungen, der Probleme, die wir gestern schufen, erzeugen wir die Probleme von morgen, und so weiter.

Wir setzen unsere Hoffnungen immer auf Dasselbe. Früher war es ein Gott, der uns vor allem Übel schützen sollte – bitte mal ein wenig Geschichtsforschung betreiben, um die Resultate dieser Form von Glauben zu sehen.

Heute ist es eine neue Hypothese, ein neuer Plan, ein neues Medikament, ein neuer Präsident, eine neue Erkenntnis. Das ist ganz in Ordnung, mehr scheinen wir zurzeit nicht zu haben.

Doch dann wäre es angebracht, erwachsen zu werden, und uns dies einzugestehen. Wir entwerfen Theorien. Wir können diese noch so gut in irgendwelchen Laboren, computergenerierten Modellen oder unter naturnahen Bedingungen testen, wir werden das komplexe Netzwerk des Lebendigen auf der Erde nie auch nur annähernd abbilden können.

Und zwar nicht nur, weil es uns an Wissen mangelt – was es tut – sondern weil wir noch immer an eine Welt der Materie und der zwischen ihren Bestandteilen wirkenden Kräfte glauben und meinen, dass sich unsere Lebensrealität daraus ergibt und wir nur auf die rechte Art in dieses System einzugreifen bräuchten, um das zu erreichen, was wir gerne hätten.

Und das ist grundlegend mangelhaft. Wir sehen dies an all den Nebenwirkungen unseres Handelns. Das Netzwerk reagiert auf alles, was darauf wirkt, auf zumeist unabsehbare Weise. Wir lernen daraus, so gut wir können, versuchen es erneut und scheinen etwas anderes zu übersehen usw., usf.

Inzwischen ist es eine gut erforschte Erkenntnis, zumindest in der Physik, der Mathematik und der Systemtheorie, dass in unserer Realität immer auch der Faktor des Chaos, des unbestimmbaren Mysteriums hineinwirkt, dass an einem Nullpunkt, einem Punkt höchster Empfindlichkeit, in einem Moment völliger Ausgewogenheit die Entwicklung eines ganzes Systems, einer Gesellschaft, einer Familie,  durch einen minimalen Impuls, den Flügelschlag eines Schmetterlings, einem zufällig erscheinenden Gedanken, einem unbeachteten Wort, eine unabsehbare Wendung nehmen kann, welche jede Theorie über den Haufen wirft. (Dürr, Chaospendel)

Dieser Punkt entzieht sich jeder Form von Kontrolle, die wir auszuüben vermögen. Es ist die Unvorhersehbarkeit, die allem innewohnt (Schrödingers Katze). Wir wehren uns mit Händen und Füßen gegen diese Erkenntnis, die, wie gesagt, bereits seit Jahrzehnten Stand der Wissenschaft ist. (Max Planck).

Es ist dieser Faktor, den jede/r von uns nur zu gut kennt, der immer wieder einmal unsere Pläne durchkreuzt. Das eine Mal ärgern wir uns darüber, da unsere Erwartungen nicht in Erfüllung gehen, das andere Mal sind wir erleichtert, da wir vielleicht zu erkennen vermögen, dass das ganz gut war. Zumeist ist unsere Befindlichkeit abhängig vom Standpunkt, den wir dazu einnehmen, also wiederum davon, was wir glauben wollen. So sind wir eben.

Es wäre eine Weiterentwicklung, aus der sich auch ein höheres Maß an Gelassenheit, innerer Ruhe und damit Lebensqualität ergäben, wenn wir lernen würden, uns dem Folgenden zu stellen:

  • Was immer wir zu wissen glauben, ist Theorie, Hypothese. Das gilt für alles, auch das, was wir von uns selbst zu wissen meinen. Was wir von anderen zu hören, zu verstehen glauben, ist Theorie, ist unsere Meinung und damit noch lange keine Tatsache.
  • Alles, was wir über die Welt herausfinden, auch auf wissenschaftliche Art und Weise, ist Hypothese, mit der wir arbeiten können, die ausreichend gut zu funktionieren vermag, jedoch nie als Wahrheit bewiesen werden kann

Würden wir diese Schritte schaffen, dann ergäben sich daraus ein paar sehr wohltuende Konsequenzen:

  • Wegen Theorien führt man keine Kriege, man kann über sie diskutieren, mit ihnen spielen, aber man verletzt einander nicht für sie.
  • Wir blieben offen für Neues, da wir ein Bewusstsein dafür entwickelt hätten, dass schlussendlich nichts fest steht
  • Wir hätten gelernt damit zu leben, dass nichts sicher ist. Das würde bedeuten, dass wir begonnen hätten, mehr zu vertrauen, als uns zu versichern (siehe die Signatur der Angst).
  • Wir wären nachsichtiger mit uns und anderen
  • Wir wären neugieriger und würden mehr über uns und die Welt, in der wir leben, staunen, da wir einen Blick für das Mysterium, diesen unergründbaren Faktor, der immer wieder alles neu macht, entwickelt hätten
  • Wir hätten die Angst vor den Mysterien des Lebens verloren, vor dem, was sich immer wieder unserer Kontrolle entzieht und damit auch die Angst vor dem Tod.

Eine schöne Vorstellung. Es wäre den Versuch wert – insbesondere, weil wir nichts anderes haben, als Versuche – uns in diese Richtung zu entwickeln.

Zurzeit streiten wir noch darüber, ob uns die Impfung retten wird oder ob sie uns damit erneut vergiften, ob wir zuhauf an Corona versterben, wenn wir uns nicht brav in unseren Häusern und hinter Masken verstecken, oder ob dies alles nicht ein riesengroßer Humbug, eine unnötige, hysterische Panikreaktion oder gar ein intelligenter Plan zur Manipulation der Massen ist. Was ist wohl wahr? Alles könnte möglich sein und vielleicht ist es dies auch und vielleicht noch vieles andere, das wir nicht oder noch nicht wahrnehmen können.

Eines scheint gesichert zu sein, nämlich dass wir es nicht wissen KÖNNEN. Deshalb wäre es angebracht, die unterschiedlichen Meinungen und Hypothesen, die in den Köpfen und Herzen von Menschen entstehen und von ihnen zum Ausdruck gebracht werden in die Art unseres Umgangs mit der gegenwärtigen Herausforderung einfließen zu lassen.

Wir treffen Entscheidungen, welche der einen oder anderen Hypothese mehr zugetan sind. Etwas anderes ist uns nicht möglich. Wir regieren auf die Herausforderungen, die sich uns stellen, indem wir uns entscheiden. Doch könnten wir aufhören, so zu tun, als ob unsere Entscheidung die richtige wäre. Es ist eine Entscheidung für eine Theorie, mehr nicht und es wird sich herausstellen, wie angemessen sie ist. Sie anderen aufzuzwingen, deren Wahl eine andere wäre, ist respektlos und entwürdigend. Dass sich diese dann gegen solch eine Vorgehensweise wehren oder falls sie ihnen aufgezwungen wird, diese bewusst oder unterbewusst zu unterwandern suchen, ist nur natürlich.

Wir begegnen uns nur dann selbst, wenn wir den Auswirkungen unserer eigenen Entscheidungen begegnen dürfen, ansonsten begegnen wir nämlich dem Denken, Fühlen und Entscheiden jener, die uns die ihren aufgezwungen haben oder deren Entscheidungen wir über unsere eigenen gestellt haben. So entledigen wir uns scheinbar unsere Verantwortung und laden sie anderen auf. Das ist das Verhalten von Kindern, die noch nicht fähig sind, für sich ausgewogene Entscheidungen zu treffen und dies auch nicht tun sollen müssen.

Als Erwachsene dürfen wir uns in einem sozialen Diskurs üben, um uns, wenn dies nötig ist, immer wieder auf Entscheidungen zu einigen, die ein möglichst breites Spektrum abdecken, einen möglichst weiten Raum an Vielfalt erlauben und allem mit höchster Achtsamkeit begegnen, das diesen Raum einzuschränken sucht.

Wir neigen dazu, unsere Interpretationen mit Wahrheit zu verwechseln und sie anderen aufzuzwingen, zumindest sie mit all den Argumenten von derselben, nämlich unserer Wahrheit zu überzeugen. Die Frage, die sich uns dabei stellt, ist, wie weit wir darin gehen, wie groß die Eingriffe in die Freiheit, die Integrität, die Selbständigkeit unserer Gegenüber sind, die wir bereit sind zu machen, nur um unsere Theorien gegen ihre durchzusetzen.

Umgekehrt betrachtet, auf wie viel unserer Integrität, unserer Eigenverantwortlichkeit und unseres Selbstbewusstseins sind wir bereit zu verzichten, indem wir dem Druck anderer ausweichen oder uns ihm beugen und beginnen, das was wir selbst glauben und spüren zu opfern für … ja, für was eigentlich?

Ich wünsche ihnen das Allerbeste

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