SIGNATUREN DES GEMEINSAM SEINS

von Jun 8, 2020Youtube0 Kommentare

Ich bin ein Kind der 60er Jahre, aufgewachsen in einer „kleinen“ Welt, in der für mich nur das wichtig war, was ich persönlich erlebte, in welcher ich den Menschen, deren Schicksale für mich bedeutsam waren, zumeist ins Gesicht schauen konnte. Zwar wusste ich, dass da draußen noch ganz viel Welt war, doch schien sie für mein Leben keine Bedeutung zu haben.

Heute ist die ganze Welt in meinem Wohnzimmer. Ich habe erkennen müssen, dass etwas, das in China passiert, mit einem Male mein persönliches Leben berühren und in großem Ausmaß verändern kann. Ich habe lernen müssen, dass meine Wirklichkeit mit Entscheidungen von Menschen verbunden ist, die ich niemals persönlich kennen lernen werde, die mit fremd sind und unvertraut, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Wirbelsturm hervorrufen kann, der möglicherweise mein Haus hinwegfegt.

In der Traditionellen Europäischen Medizin ist die elementare Erde das, was wir als unsere soziale Realität erleben, die Menschen, die wir kennen, unser Zuhause, unser Beruf. Es ist das, was uns bekannt und vertraut ist, womit wir umzugehen gelernt haben. Sie ist naturgemäß überschaubar und fühlt sich dementsprechend für uns sicher an. Wir wissen uns darin zu bewegen, kennen die Eigenheiten der Menschen, wissen, was von uns erwartet wird und haben unseren Platz darin.

Wird diese Welt zu groß, so wird sie unüberschaubar und damit verunsichernd. Wir haben das Gefühl, jederzeit und aus heiterem Himmel die Kontrolle und den Boden unter unseren  Füßen verlieren zu können. Besagter Schmetterlingsflügel könnte die Entscheidung des CEO eines global agierenden Unternehmens sein, welches die Firma kauft, in welcher ich arbeite, Rationalisierungsmaßnahmen vornimmt, denen mein Arbeitsplatz zum Opfer fällt.

Wie in solch einer großen Welt leben? Unser kleines Bewusstsein ist nicht dafür gebaut, in solchen Dimensionen zu funktionieren. Von Natur aus machen wir uns langsam mit Umständen, Menschen, Situationen vertraut, lernen ihre Merkmale kennen, stellen uns aufeinander ein. Lesen Sie die Stelle in „Der kleine Prinz“ über Freundschaft und Zähmung. Den Link finden sie unter dem Video. Wir zähmen die Welt, die wir uns vertraut machen und lassen uns von ihr zähmen. Damit ist das Eingehen von Verbindung gemeint, und das braucht Zeit. Wie soll das mit der ganzen Welt funktionieren. Wir haben auch gelernt, dass wir selbst dieser ominöse Schmetterlingsflügel sein können. Meine Autofahrten können zum Abbrachen des Schelfeises in der Antarktis führen, mein Kaufverhalten zur Vergiftung von Trinkwasser, zur Brandrodung von Urwäldern, zum Ausrotten von Tierarten, zu Schmerz und Leid zahlreicher Menschen auf der Welt.

Noch einmal, wie sollen wir uns so einer großen Welt leben, ohne uns vollkommen überfordert zu fühlen oder aus der Not heraus ignorant zu werden und abzustumpfen?

Wir mussten uns jetzt monatelang füreinander verantwortlich fühlen, da wir mit unserem gewohnten Verhalten Menschen hätten töten können – zumindest wurde uns das so erzählt. Ich komme einem anderen Menschen zu nahe, übertrage etwas, das ich gar nicht sehe, von dem ich nicht weiß, dass es in mir existiert, und dieser Mensch wird krank, stirbt, steckt andere an, die werden krank und sterben , ….

Bei allem, was wir tun, erzeugen wir Leid, einen ökologischen Fußabdruck, der gleichbedeutend ist mit potentiellen Katastrophen und für all das bin ich dann verantwortlich. Ich bin unbewusst sexistisch, rassistisch, antisemitisch, fremdenfeindlich, chauvinistisch, Kultur aneignend, betreibe schwarze Pädagogik, bin frauenfeindlich, männerfeindlich, politisch inkorrekt und habe permanent ein schlechtes Gewissen ob meines bloßen Existierens. Innerhalb dieses Szenarios wäre Suizid die moralisch vertretbarste Alternative.

Wír haben dermaßen viele Wunden geschlagen in dieser Welt, dermaßen viele Fettnäpfchen verteilt und darüber geschwiegen, dass wir inzwischen nicht mehr wissen können, wo wir als nächstes hin steigen sollen, ohne in eines davon zu treten oder dabei Salz in eine dieser Wunden zu streuen.

Wir haben unsere Erde zu einem Alptraum gemacht. Sie ist noch immer schön und die Lebewesen auf ihr ein Wunder, doch die Konsequenzen menschlichen Wirkens innerhalb der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte klopfen gerade an unsere Tür. Nicht mehr lange und sie treten selbige ein.

Wir stehen jetzt vor einer Entscheidung!

Entweder wir erklären uns für Nicht – Verantwortlich. Dann ist dies alles ungerecht, wir können nichts dafür und jede/r, der etwas anderes behauptet muss schlussendlich bekämpft werden. Dann werden wir Zäune errichten – eigentlich tun wir dies ja bereits – aufrüsten, überwachen, kontrollieren und das Spiel „Wir gegen sie“ spielen.

Oder wir vergehen in einer Flut aus Schuld, Scham, schlechtem Gewissen, das uns unbeweglich macht, für das jede Entscheidung irgendwo eine falsche, eine unangemessene, eine böse ist. Dann landen wir in einer Lebensangst, in welcher Trauer unsere Herzen erdrückt und jede Freude erstickt.

Oder wir gehen den Weg der Natur. Im 5 Elemente – System folgt auf die elementare Erde, die elementare Luft. Sobald Teile eines sozialen Systems vergehen, ein geliebter Mensch stirbt, eine Beziehung zerbricht, ein Teil unserer Lebensrealität vergeht – etwas, das wir immer als krisenhaft erleben – setzt etwas ein, das man Trauerphase nennen kann. Es ist ein Zeitabschnitt, in welchem Sicherheit, Verlässlichkeit, Stabilität erschüttert sind. Wir sind verwirrt, finden uns schwerer zurecht und sind berührbarer.

In solche einer Phase geht es darum, etwas Gewichtiges in unserem Leben zum Abschluss zu bringen, lose Fäden zu verknüpfen, für alles damit Zusammenhängende einen Platz zu finden, was auf dem Herzen lastet zum Ausdruck zu bringen, zu vergeben, Verantwortung zu übernehmen und um Verzeihung zu bitten. Es geht darum, Frieden zu finden mit dem, was war. Dann löst sich Vergangenheit auf. Wir werden frei von dem, was war.

Das bedeutet aber natürlich auch, dass wir selbst zu anderen werden dürfen, dass die Strukturen, denen wir gefolgt sind, die Meinungen, mit denen wir uns identifiziert haben, die Verletzungen, die wir kultiviert haben und die Schuldgefühle, die wir zu verdrängen gewohnt waren, nicht wieder ins Boot holen. Dies ist zumeist ein steiniger Weg, denn er bedeutet, sich unmaskiert im Spiegel zu sehen. Ihn zu gehen bedeutet, sich als TäterIn zu erkennen und gleichzeitig als Opfer wahrzunehmen, sich Schuld einzugestehen und sich gleichzeitig als Projektionsfläche fremder Verantwortungen zu begreifen.

Ein schier unlösbarer Knoten an Verflechtungen, dem wir da begegnen, UND NIEMAND IST DAVON AUSGENOMMEN.

Es gibt sie nicht DIE TÄTER!  Es gibt sie nicht DIE OPFER!

Und dennoch gibt es Täter, welche Opfer um Verzeihung bitten müssen und Opfer, welche Täter anklagen, um gesehen, gehört und anerkannt zu werden.

Für all dies brauchen wir Raum, Zeit und eine entsprechende Haltung.

Dies kann nicht die Haltung sein, in welcher ich erzogen wurde, in jener kleinen Welt der 70er Jahre! Es ist eine Haltung, die uns nicht beigebracht wurde, eine Haltung, die wir auch unseren Kindern nicht vermitteln konnten, eine Haltung, die bei den Menschen der so genannten westlichen Zivilisationen und auch vielen anderen über Jahrhunderte in Vergessenheit geraten ist.

Wir sind alle eins!

Das ist nicht der Slogan eines Rainbow Festivals oder ein Revival der Flowerpower Bewegung der 60er. Das ist ein Bewusstseinsschritt, von In Lak ´ech Ala K´in – Ich bin Du, Du bist Ich. Innerhalb dieses Bewusstseins spüren wir Stimmigkeit und Unstimmigkeit unseres Handelns ohne zuvor Jahre dauernde, wissenschaftliche Studien machen zu müssen. Wir haben Zugang zu unmittelbarem Mitgefühl, ohne zuvor tausend Schritte in irgendwelchen anderen Schuhen gegangen zu sein. Das ist ein Schritt heraus aus den Spitzfindigkeiten von Gesetzesdeutungen und den Interpretationsspielereien von Statistiken, heraus aus den NLP trainierten Manipulationsschauspielen, heraus aus dem „wenn ich es nicht mache, dann tut es jemand anderer!“

Und wie soll das gehen?

Indem Du es tust! Denn niemand wird es für Dich tun, ja niemand kann es für Dich tun! Indem Du aus dem Schauspiel austrittst, sowohl als SchauspielerIn als auch als ZuschauerIn. Indem Du aufhörst, Schuldige zu suchen oder dir die Schuld in die Schuhe zu schieben, schieben zu lassen. Indem Du beginnst in jenen Spiegel zu schauen, zu trauern, zu spüren, um Vergebung zu bitten, zu verzeihen, anderen und Dir selbst, lose Fäden zu verknüpfen, Deinen inneren Keller aufzuräumen, aus gewohnten Mustern auszusteigen, andere Standpunkte und Blickwinkel zu versuchen. Und nicht aufhörst damit, bis in Dir Friede spürbar wird.

Vergiss dabei eines nicht, wir sind alle nur SchauspielerInnen gewesen in diesem Spiel. Doch als SchauspielerInnen gehen wir auch von der Bühne und sind wieder wir selbst. Und eben das haben wir vergessen, nämlich dass wir alle außerhalb unserer von Eigenschaften und Bewertungen behängten Rollen, Mann – Frau, Schwarz – Weiß, Alt – Jung, Schön – Hässlich, Arm – Reich, Klug – Dumm, Gut – Böse, Täter – Opfer, … immer eines sind, gestaltete Lebenskraft, zusammengehalten von Verbundenheit, von Liebe.

Bislang mag dies alles Inhalt von Selbsterfahrungsseminaren, therapeutischen Ansätzen, religiösen Predigten gewesen sein. Es mag sein, dass wir in Büchern darüber gelesen und in unserer Freizeit ein wenig darüber philosophiert haben. Doch nun ist es zu einer Frage unseres Fortbestandes geworden, zumindest eine Frage über die Zukunft menschlichen Fortbestehens. All die Trennungen und damit verbundenen Bewertungen, all die Mangelstrategien und damit verbundenen Ausbeutungen, sie lassen sich nur mehr unter stetig wachsender Machtausübung, Kontrolle, Entwürdigung und Entmenschlichung weiter verfolgen.

Willst Du Teil davon sein?

Ich wünsche Dir das Allerbeste

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